zu spät!

Mein(e) Mann/Frau/Bruder/Schwester/Onkel/Tante/oma/Opa hat mein Kind sexuell missbraucht

  • Glauben Sie ihrem Kind und lassen Sie dieses auf keinen Fall mehr mit dem Täter/der Täterin alleine!
  • Bleiben Sie ruhig! (Sie sollten alle Panik, Unruhe und entsetzte Reaktion vermeiden, weil es dazu führen könnte, dass Ihr Kind nur noch vorsortiert was erzählt werden kann ohne Sie zu belasten oder es möglicherweise sogar wieder schweigt).
  • Lassen Sie Ihr Kind erzählen was ihm passiert ist, aber Sie sollten Ihr Kind nicht "ausfragen".
  • Keine unüberlegte Konfrontation mit dem Täter/der Täterin
  • Vermeiden Sie Schuldzuweisungen, auch wenn ihr Kind behauptet selbst Schuld zu sein.
  • Vermitteln Sie ihrem Kind, dass es keine Schuld an dem hat, was passiert ist und dass der Täter/die Täterin das nicht hätte tun dürfen.
  • Sagen Sie ihrem Kind, dass es gut ist und mutig und richtig sich anvertraut zu haben.
  • Weihen Sie wenn möglich eine Vertrauensperson ein, der Sie sich anvertrauen können und durch die Sie Unterstützung und Hilfe bekommen. Auch Sie brauchen jemandem, dem Sie sich anvertrauen und mit dem Sie reden können.
  • Können Sie mit Ihrem Kind ggf. bei Verwandten, Eltern oder Freunden unterkommen? Bei akutem Bedarf ggf. ein Frauenhaus in Betracht ziehen.
  • Wenden Sie sich ggf. an eine Beratungsstelle/Anlaufstelle in Ihrer Region
  • Schalten Sie das Jugendamt ein.
  • Gehen Sie ggf. zur Polizei. Dieser Schritt sollte jedoch gut überlegt sein. Die Polizei ist verpflichtet die Staatsanwaltschaft zu informieren – auch im Falle, dass die Anzeige wieder zurück genommen werden sollte, wird die Staatsanwaltschaft ermitteln. Nicht immer ist eine sofortige Anzeige der richtige Weg – dem Kind ist nicht geholfen, wenn hier überstürzt gehandelt wird, da es re-traumatisiert werden könnte.
  • Ggf. eine ärztliche Untersuchung in Betracht ziehen (Beweissicherung)
  • Was auch immer Sie unternehmen – sprechen Sie alles mit dem Kind ab, nichts darf über dessen Kopf hinweg entschieden werden.
  • Sorgen Sie dafür, dass ihr Kind so frühzeitig wie möglich eine Therapie bekommt, auch Sie selbst sollten sich in Therapie begeben (ggf. auch Geschwisterkinder einbeziehen).
Gerade Familienangehörige (Verwandte), bei denen betroffene Angehörige Halt und Hilfe finden sollten, ziehen sich oftmals zurück. Sie möchten nichts falsch machen, sind unsicher – wie mit alldem umgehen, wollen sich einfach "lieber raus halten". Doch oftmals wird gerade deren Unterstützung und Hilfe benötigt. Lassen Sie ihre Angehörigen nicht alleine!
  • Glauben Sie dem Kind und dessen Mutter/Vater (Verbündeten) und zeigen Sie, dass Sie als Gesprächspartner einfach da sind. Meist hilft es schon enorm, wenn man jemanden hat der einfach nur zuhört.
  • Seien Sie vorsichtig mit Äußerungen "Das ist ja ein Schwein!, "Wie konnte er/sie nur!", "Meine Güte, ist das schlimm!". Halten Sie sich zurück.
  • Ggf. können Sie zu Terminen begleiten oder auch ihre Hilfe in Form von Betreuung des betroffenen Kindes anbieten, wenn Mutter/Vater (Verbündete) Termine wahrnehmen
  • Drängen Sie sich jedoch nicht auf, sondern bieten Sie vorsichtig ihre Hilfe an
Nicht selten haben Verwandte/Familienangehörige einen "Verdacht", eine "Ahnung", das in ihrem Umkreis "etwas nicht stimmt" – oder Gedanken wie "Ich glaube, könnte annehmen, dass…".

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 Sexuelle Gewalt geschieht gegen den Willen der Kinder und Jugendlichen
und passiert nie aus Versehen.

Grundsätzliches:
  • Die erste Regel ist immer: RUHE BEWAHREN Überstürzte Aktionen können die Situation noch verschlimmern. Unternehmen Sie nichts auf eigene Faust! Durch eine voreilige Offenlegung könnte der Täter von der Vermutung erfahren und das Kind so stark bedrohen, dass es nichts mehr sagt. Oder es wird aus der Einrichtung abgemeldet. Möglicherweise zieht die Familie um und weitere Hilfe ist nicht mehr möglich. Das Ziel einer Intervention ist langfristiger Schutz unter heilenden Bedingungen, ohne dass es zu Sekundärtraumatisierungen kommt.
  • Erkennen und akzeptieren Sie ihre Grenzen und Möglichkeiten. Tun Sie nichts, was Sie sich nicht zutrauen
  • Jeder Fall liegt anders, es gibt keinen Königsweg.
  •  Keine Person und keine Institution kann ein Kind alleine retten!


Sexuellen Missbrauch erkennen
Auch wenn die meisten missbrauchten Kinder in den wenigsten Fällen konkret über den Missbrauch sprechen, so senden sie doch immer Signale aus. Verhaltensänderungen und -auffälligkeiten, wie
    * Aggressivität
    * Schlafstörungen
    * Überangepasstes Verhalten
    * Distanzlosigkeit
    * Angstzustände
    * Suchtverhalten
    * Schulschwierigkeiten
    * Regressives Verhalten
    * Einnässen
    * Essstörungen
    * Rückzug
    * Waschzwang
    * Selbstzerstörerisches Verhalten
    * Selbsthass bis hin zum Suizid
 können auftreten.

Eindeutige körperliche Spuren, wie
    * Unterleibsverletzungen
    * Blutergüsse/ Bisswunden an den Genitalien
    * Geschlechtskrankheiten
dagegen sind in den seltensten Fällen zu finden, weshalb eine gynäkologische Untersuchung  meist nicht nur unnötig, sondern zusätzlich traumatisierend sein kann.
Besonders kleine Kinder zeigen ihre Gewalterfahrungen im Spiel.

Einzelne oder mehrere Symptome können, aber müssen nicht zwangsläufig auf sexuellen Missbrauch hindeuten.

Es gibt Anzeichen für Kindesmissbrauch, die sich in jedem Fall immer wiederholen. Natürlich reagiert jedes Kind anders auf das, was mit ihm gemacht wird. Und doch sollte man bei einigen Dingen genau zuhören oder genauer hinsehen. Auf eindeutige körperliche Spuren wird man nur in den seltesten Fällen stoßen.


Ich habe den Verdacht, dass ein Kind sexuell missbraucht wird
  • Wieder lautet die Devise: Ruhe bewahren, nichts überstürzen!
  • Überlegen Sie, woher kommt Ihre Vermutung, beobachten Sie das Verhalten des Kindes und machen Sie sich Notizen mit Datum und Uhrzeit.
  • Fragen Sie eine andere Person, der Sie vertrauen, ob sie Ihre Wahrnehmung teilt.
  • Konfrontieren Sie auf keinen Fall den vermutlichen Täter oder die vermutliche Täterin, denn sie könnte das vermutete Opfer unter Druck setzen.
  • Niemals eine Familie mit einem Missbrauch konfrontieren, ehe eine räumliche Trennung von Opfer und Täter vorbereitet und möglich ist!!
  • Wenn sich Ihr Verdacht erhärtet, nehmen Sie Kontakt auf zu einer Beratungsstelle auf. In vielen Städten gibt es Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch. Unter www.hinsehenhandeln-helfen.de finden Sie Hilfestellen. Beraten kann Sie ebenso das Jugendamt, ggfs. ohne Namensnennung des betroffenen Kindes.


Ein Kind erzählt Ihnen von sexuellen Übergriffen

Im Moment der Mitteilung:
  • Wenn sich Ihnen ein Kind anvertraut, glauben Sie ihm. Versichern Sie ihm, dass es keine Schuld an dem Vorfall trägt. Ergreifen Sie zweifelsfrei Partei für das Kind. Verwenden Sie keine „Warum“ Fragen, diese lösen leicht Schuldgefühle aus.
  • Stellen Sie die Aussagen des Kindes nicht in Frage – auch wenn diese unlogisch sind/scheinen.
  • Signalisieren Sie, dass es über das Erlebte sprechen darf, aber drängen Sie nicht und fragen Sie es nicht aus. Respektieren Sie Widerstände, entwickeln Sie keinen Forschungsdrang. Verwenden Sie „Als ob Formulierungen“: „Du wirkst auf mich, als ob…“.
  • Ermutigen Sie das Kind, sich Ihnen mitzuteilen. Versichern Sie, dass Sie das Gespräch vertraulich behandeln, aber erklären Sie auch, dass Sie sich Rat, Unterstützung und Hilfe holen werden.
  • Geben Sie dem Kind keine Details vor!
  • Wenn ein Kind Ihnen von einer kleineren Grenzüberschreitung erzählt, reagieren Sie nicht mit „ach, das macht doch nichts“ o. ä., sondern nehmen Sie das Kind ernst und hören Sie ihm zu. Kinder erzählen zunächst nur einen kleinen Teil dessen, was ihnen widerfahren ist.
  • Versichern Sie, dass Sie nichts unternehmen werden, ohne es mit ihm und Ihrer Vertrauensperson abzusprechen.
  • Respektieren Sie Grenzen. Üben Sie keinen Druck aus, auch keinen Lösungsdruck.
  • Geben Sie keine Versprechen, die Sie nicht einhalten können (z.B. niemanden davon zu erzählen).
  • Diskutieren Sie nicht darüber, ob das Kind etwas falsch gemacht hat. Die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff trägt niemals das Opfer!
  • Schützen Sie das Opfer vor Kontakten mit dem Täter/der Täterin!
  • Vermeiden Sie Forderungen nach drastischen Strafen für Täter/Täterinnen, sonst können sich betroffene Kinder und Jugendliche Ihnen meist nicht (weiter) anvertrauen! Die Mehrzahl der Opfer möchte sich nicht dafür verantwortlich fühlen, dass der Täter/die Täterin ins Gefängnis kommt oder der eigene Vater bestraft wird, wenn er zum Beispiel Selbstjustiz verübt und den Täter zusammen schlägt.
Im Anschluss an die Mitteilung:
  • Halten Sie das Gespräch, Fakten und Situation schriftlich fest.
  • Achten Sie darauf, dass keine Verdachtsmomente zum Täter/ zur Täterin vordringen, denn er oder sie könnte das Kind daraufhin verstärkt unter Druck setzen.
  • Stellen Sie sicher, dass sich das betroffene Kind durch Folgemaßnahmen nicht ausgegrenzt oder bestraft fühlt.
  • Nehmen Sie Kontakt auf zu einer Beratungsstelle auf. In vielen Städten gibt es Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch. Unter www.hinsehenhandeln-helfen.de finden Sie Hilfestellen. Beraten kann Sie ebenso das Jugendamt, ggfs. ohne Namensnennung des betroffenen Kindes.
  • Bieten Sie sich weiter als Vertrauensperson an und begleiten Sie das Kind in eine Beratungsstelle oder sorgen Sie für eine andere für das Kind vertrauensvolle Begleitung.

Wie verhalte ich mich bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie?
Das eigene Kind ist Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, vom eigenem Vater/Mutter – für viele die Horrorvorstellung schlechthin. Meist tastet sich der Täter über einen längeren Zeitraum mit immer weiter gehenden Übergriffen an das Kind heran. Der Partner hingegen erfährt es plötzlich und steht unter Schock. Er macht sich Vorwürfe, dass er den Missbrauch nicht früher bemerkt hat. Hinzu kommt: Sexueller Missbrauch stigmatisiert eine Familie. Sie verspürt deshalb den Druck, das Geschehene geheim zu halten. Umso notwendiger ist das Gespräch mit einer Fachkraft einer Beratungsstelle, der man alles anvertrauen kann.

Die Vorgehensweisen sind aber sonst wie oben beschreiben, jedoch sollte auch her der Einzelfall mit seinen besonderen Umständen erfasst werden, ehe gehandelt wird.

Nehmen sich sich Zeit, um eigenen Gefühle zu klären. Empörung, Wut, Ekel, aber auch Ohnmacht und Angst, sind eine natürliche Reaktion auf sexuellen Missbrauch. Sie sollten ernst genommen werden und können in der Beratungsstelle ebenfalls besprochen werden.





Ich habe versucht mich soweit möglich kurz und bündig zu halten, konnte aber auf einige Wiederholungen nicht verzichten. Dieser "Leitfaden" stellt ein praktisches Hilfsmittel dar, das es ermöglichen soll, Kindesmisshandlungen zu erkennen und die nötigen Maßnahmen zum Schutz des Kindes in die Wege zu leiten.  Da es jedoch, wie bereit erwähnt, keinen Königsweg gibt, und sich jeder Missbrauch anders darstellt, bin ich über weitere Tipps und Anregungen und insbesondere über Hinweis von Fehlern dankbar. Damit kann sich dieser Leitfaden zu einem wirklichen Hilfsmittel entwickeln.

Quelle: Claus Pabst - Finger weg von unseren Kindern e.V.